
Unser
Antrag auf ein großzügig dotiertes Modellprojekt des
Bundesbildungsministeriums (BMBF) wurde 1997 bewilligt, und das bedeutete DM
20.000,- für ein Hightech-Projekt, in dessen Genuss nur 91 Schulen in ganz
Deutschland kamen.
Es
geht in diesem vom Bundesbildungsministerium geförderten Modellprojekt um die
Frage, wie Daten aus elektronischen Quellen, also dem Internet, CD-ROMs und -
das ist das Besondere an diesem Projekt - auch aus kostenpflichtigen Datenbanken
sowohl in den laufenden Unterricht als auch bei selbständigen Projekten der Schüler
(Hausaufgaben, Referate, Facharbeiten, Vorbereitung auf das Abitur, "problem-based
learning" etc.) im Katholischen Religionsunterricht einer 13.
Jahrgangsstufe eingebunden werden können.
Es
ist eine Tatsache, dass wir mit einer weltweiten Explosion des Wissens
konfrontiert sind. Während noch im Jahr 1965 weltweit ca. 5 Millionen
wissenschaftliche Veröffentlichungen erschienen, sind es heute zwischen 15 - 20
Millionen (Quelle: SCIENTIFIC CONSULTING, Köln 1997). Diese Situation wirft nun
wiederum die Frage nach der Handhabung dieser Flut von Informationen und Wissen
in allen Lebensbereichen auf und macht auch vor dem Unterricht nicht halt, da
Schule nun einmal eine der zentralen Phasen des Lebens ist, in denen der Umgang
mit Wissen den Dreh- und Angelpunkt des Alltags ausmacht. Gleichzeitig ergibt
sich konsequenterweise die Notwendigkeit einer mindestens partiellen Reform herkömmlicher
Unterrichtsmethoden, wenn der später unverzichtbare Prozess des
eigenverantwortlichen, aktiven "life-long learning" für die
Beteiligten nicht ein Sprung ins kalte Wasser werden soll. Letztlich geht es
demnach in dem Projekt ganz generell um die Auslotung der Möglichkeiten
modernen Wissensmanagements in einer
Geisteswissenschaft.
Das
exponentielle Wachstum im Bereich der Informations- und
Kommunikationstechnologien ist zum Kennzeichen unserer Zeit geworden und schon
schickt man sich an, von einer Informationsgesellschaft
zu sprechen. Dabei wird allerdings nur zu leicht übersehen, dass Informationen
per se weder gut noch schlecht sind, sondern lediglich Mittel zur Erweiterung
unseres Wissens. Wissen wiederum ist nicht bloß eine überbordende Menge an
Information, sondern es entsteht erst, wenn Informationen reflektiert und
bewertet werden. Die Rolle der Informationstechnologien in diesem Geschehen ist
allerdings zwiespältig: Einerseits sind sie Ursache und andererseits aber auch
Mittel zur Lösung der Wissensexplosion: Daten können auf elektronischem Weg
einerseits leicht verbreitet, aber andererseits auch in Datenbanken leichter
strukturiert und zugänglich gemacht und "gemanagt" werden.
Anfang
1997 gab es einen weltweiten Bestand von 8.566 Online-Datenbanken, von denen
fast die Hälfte aus dem Bereich Wirtschaftsinformation und
Wirtschaftswissenschaften stammt (4.043). Datenbanken zum Gebiet
Naturwissenschaften, Technik und Patente folgen an zweiter Stelle (1.687),
Datenbanken mit juristischem Inhalt liegen auf Platz 3 (1.146). Erst an vierter
Stelle und mit einem enormen Rückstand folgen 378 Datenbanken zu den Geistes-
und Sozialwissenschaften (Quelle: SCIENTIFIC CONSULTING, Köln 1997).
Alle
diese traditionellen Hosts können fast ausnahmslos nur gegen ein
Benutzungsentgelt von Kunden mit eigenem Account und Paßwort verwendet werden
und kommen bei Recherchekosten von ca. DM 400,- pro Stunde für die begrenzten
Budgets der Sachaufwandsträger von Schulen in der Regel (noch) nicht in Frage,
wobei allerdings nicht ausgeschlossen ist, dass in absehbarer Zeit durch die Kräfte
des "technology push" und
"market pull" von den
Kultusbehörden einzelner Bundesländer Sammelverträge mit solchen Anbietern
abgeschlossen werden, die dann allen betreffenden Schulen einen kostenlosen
Zugang ermöglichen. Eine Ausnahme bilden ab diesem Jahr schon eine Reihe der
bedeutendsten deutschen und internationalen Datenbanken, die zumindest den 91
vom Bundesbildungsministerium besonders geförderten Modellschulen
unentgeltliche Zugänge zu ihren Datenbeständen ermöglichen:
·
LEXIS-NEXIS
Information Services GmbH (Nachrichten, Wirtschaft, Recht).
·
DIMDI
(Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information),
·
JURIS
(Juristisches Informationssystem für die Bundesrepublik Deutschland),
·
KNA
(Katholische Nachrichtenagentur, Bonn)
·
FOCUS
Der
Kenntnisstand der Schüler der Projektgruppe ist erwartungsgemäß sehr
heterogen und reicht von "keinerlei Vorkenntnisse" bis zu einzelnen
Schülern mit eigenem Internetanschluss und sehr weitreichenden Kenntnissen.
Aber auch sie hatten noch keinerlei Erfahrungen mit kommerziellen Datenbanken
oder mit komplexeren Suchstrategien. Es ist zur Durchführung des Projektes
unerlässlich, durch kompensatorische
Zusatzangebote nach dem regulären Unterricht gravierende Kenntnisrückstände
aufzuholen. Weiterhin wird versucht, Know-how-Defizite dadurch zu reduzieren,
dass sich fortgeschrittene Schüler in Kleingruppenarbeit mit weniger erfahrenen
Schülern zusammentun und auf diese Weise ebenfalls ein Wissenstransfer innerhalb der Gruppe stattfinden kann.
Die
technische Ausstattung des vorhandenen Computerraums ist bereits gut:
1 Netzwerk-Server, 1 Lehrerrechner sowie 15 damit vernetzte Pentium-Rechner,
ISDN-Anschluss, Laserdrucker
und Farbtintenstrahldrucker am Server, Flachbettscanner, analoge und digitale
Video- und Tonschnittgeräte, Overhead-Display-Aufsatz.
Wegen
der sich allerdings abzeichnenden Belegungsschwierigkeiten wurde für die Schüler
zusätzlich ein eigenes Internetzimmer
eingerichtet, das während der Öffnungszeiten der Schule speziell für
Recherchezwecke jederzeit zugänglich ist. Dieser Raum wurde mit Projektgeldern
mit einem Multimedia-PC samt ISDN-Anschluss sowie einem leistungsfähigen
Laserdrucker ausgestattet. Da der Internetraum neben der Bibliothek liegt, können
von dort auch schnell die ebenfalls neu angeschafften Multimedia-CD-ROMs und
entsprechende Fachzeitschriften und -bücher von den Schülern ausgeliehen
werden. Im Schnitt wird dieser Internetzugang von vier bis fünf Schülern täglich
genutzt.
Bei
der Frage der Ermittlung des Informationsbedarfes gilt im wesentlichen folgende
Differenzierung: Elektronische Informationsquellen werden nicht um ihrer selbst
willen eingesetzt, sondern bekommen regelmäßig dann eine Priorität, wenn ihr
Einsatz sachlich gerechtfertigt ist. Dies wird immer dann der Fall sein,
·
wenn die
vorliegenden Informationen veraltet sind,
·
wenn die
entsprechenden Informationen in konventionellen Quellen nicht oder nur mit größerem
Aufwand zugänglich sind,
·
wenn eine
weitere Bearbeitung der Materialien notwendig ist (Kürzungen, Annotationen,
Umsetzung von Zahlen in Diagrammen, multimediale Aufbereitung etc.),
·
wenn die
vorhandenen Informationen aus anderen (z.B. pädagogischen) Gründen nicht
ausreichen, um etwa über das Lehrbuch hinaus einen Zugang zu einem Thema auch
aus anderen Blickwinkeln zu ermöglichen.

Wohlgemerkt:
Es geht nicht um Abschaffung des Lehrbuches oder gar des Lehrers, sondern um ein
Zurückdrängen seines Wissensmonopols. Das in der Projektklasse eingeführte
Lehrbuch ist neueren Datums und lehrplankonform - insofern ließe sich der
Lehrplan auch rein buchgestützt erfüllen. Es gehört aber zum
konstruktivistischen Ansatz in der Pädagogik, dass ein Oberstufenunterricht,
der sich nur auf ein auch noch so gut gemachtes Lehrbuch alleine konzentriert,
sowohl den Schüler als auch den Lehrer zu einer unidirektionalen
Betrachtungsweise der Inhalte verleitet. Ein rein in linearer Progression
"durchgearbeitetes" Lehrbuch unterdrückt alle Ansätze aktiven
Lernens, der eigenständigen Analyse von Wissenslücken sowie einer
selbstgesteuerten Informationsbeschaffung. Elektronische Datenquellen erlauben
hingegen sehr leicht das immer häufiger geforderte multiperspektivische Lernen
und vor allem vermitteln sie die Einsicht in die dynamische Komplexität von
modernem "Wissensmanagement": die Erkenntnis, dass "Wissen"
nicht etwas ist, das man einmal "hat" und dann schwarz auf weiß nach
Hause tragen kann.
Lineares
Abarbeiten von Lehrbuchtexten würde auch die dringend notwendige Fähigkeit zur
eigenverantwortlichen Evaluation vorhandener Informationen zu wenig fördern.
Gerade die Tatsache, dass das WWW, im Gegensatz zu Buchverlagen oder den
traditionellen Datenbankanbietern, keine Qualitätssicherungsinstanz für die
angebotenen Daten liefern kann, schiebt diese Verantwortung für die Auswahl der
bezogenen Informationen mehr dem einzelnen Nutzer zu, so dass eine
unterrichtliche Vorbereitung auf diese umfassende Medienkompetenz sehr gut in
den dem Projekt zugrundeliegenden Ansatz des authentischen und situativen
Lernens passt.
Eine
Unterrichtsstunde zur Verantwortungsethik des Philosophen und
Religionswissenschaftlers Hans Jonas mit einem im Schulbuch abgedruckten Exzerpt
einer seiner Schriften, mit einer inhaltlichen Zusammenfassung und einer
Lernzielkontrolle durch einige Fragen am Ende der Stunde kann nicht gerade den
Anspruch erheben, unter multiplen Perspektiven vorzugehen. Warum statt dessen
nicht einmal eine Internet-Suchmaschine bemühen und jeden Schüler oder
mindestens verschiedene Arbeitsgruppen unterschiedliche Fundstellen zum
Suchbegriff „Hans Jonas“ recherchieren und auf ihre inhaltliche Relevanz überprüfen
lassen? Eine andere Gruppe kann in der Zwischenzeit in einer Datenbank wie
LEXIS-NEXIS recherchieren und sich daran machen, die wichtigsten Zeitungsartikel
von und über Hans Jonas auswerten. Eine weitere Gruppe wird CD-ROMs
durchforsten und dabei herausfinden, dass in der aktuellen Multimedia Enzyklopädie
DISCOVERY von
Bertelsmann ein Foto und ein kurzes Tondokument von Hans Jonas vorhanden sind.
Statt einer Lernzielkontrolle durch Abfragen, werden die Schüler aufgefordert,
prägnante Textpassagen in den Zwischenspeicher des Computers zu kopieren, um
sie dann in ihr Textverarbeitungsprogramm einzufügen und schließlich ihr Lern-
und Arbeitsblatt zu Hans Jonas selbst zu erstellen. Der Lehrer kann den Schülern
den zusätzlichen Hinweis geben, sie mögen den Text zweizeilig und mit breitem
Rand editieren, da das Textblatt auf diese Weise Raum für Rand- und
Interlinearnotizen gibt. Hier wird dann gegenüber einem Lehrbuchtext ein echter
„Mehr-Wert“ geschaffen. Vom zeitlichen Umfang her ist diese gesamte
Vorgehensweise zwar aufwendiger (ca. zwei Schulstunden statt einer), jedoch
gleichzeitig für die Beteiligten auch ergiebiger als herkömmlicher
Frontalunterricht.
Die
beiden Wochenstunden des Modellprojekt-Unterrichts in Religion finden ausschließlich
im Computerraum statt, wodurch für den Einsatz von CD-ROMs, Internet und
Online-Datenbanken dementsprechend optimale Bedingungen vorherrschen. Wenn nun
beispielsweise nach einem Referat zu Jean-Paul Sartres dezidiert atheistischem
Existentialismus die Frage auftaucht, warum es dann auch den im Referat
angesprochenen christlichen Existentialismus Kierkegaards geben kann, so könnte
der Lehrer hier schnell in seine angestammte Rolle als Verteiler von Wissen
steigen und die Frage ganz einfach beantworten. Er kann aber auch eine Gruppe
von Schülern beauftragen, mit Hilfe von Microsoft
Encarta diese Frage selbst zu klären. Diese werden dann sehr schnell mit
dem Suchwort „Existentialphilosophie“ auf einen einschlägigen Artikel stoßen.
Sie werden ferner, da es sich um einen relativ langen Artikel handelt, das
Fenster „Gliederung“ aufklappen und dort sowohl Kierkegaard
als auch die Antwort auf die Frage finden. Die Schüler werden sodann die
entsprechende Textstelle und ein Bild Kierkegaards markieren, in das
Textverarbeitungsprogramm einfügen und auf dem Laserdrucker eine Overhead-Folie
ausdrucken, die sie der Klasse anschließend präsentieren. Authentisches
Wissensmanagement von und durch Schüler! Und dass die Schüler ganz nebenbei
auch lernen, wie man mit einem Textverarbeitungsprogramm umgeht, kann auch nicht
schaden. "Non scholae, sed vitae discimus." Wie wahr!
(c)
Sebastian Schuhbeck 1998
Landesbeauftragter
für Computereinsatz im Religionsunterricht
BMBF-Modellprojektleiter